Solos in der Todeszone
Neutouren an den großen Wänden des Himalayas wurden und werden von unzähligen Mythen und Dramen begleitet, die Literatur vom Kampf in der Todeszone füllt ganze Bibliotheken. In sauerstoffarmer Luft schraubte die Eroberungschronologie das Menschenmögliche spiralförmig hinauf bis zur ersten, vollständigen 8000er-Sammlung durch Reinhold Messner, womit die Entwicklung des Höhenbergsteigens einen vorläufigen Plafond erreicht hatte. Alles was danach kam, war die Reproduktion alpiner Höchstleistungen, die Spuren der Ersten wurden zu breiten Pfaden ausgetreten, Gipfelgänge zu den Bergriesen im Himalaya und Karakorum mutierten zum Konsumgut, zu käuflich erwerbbaren Laufstegen. In den späten 1990er-Jahren war für den alpinen Protagonisten aus dem Gesäuse der Blick auf die großen Wandfluchten der 8000er die logische Folge einer konsequenten Entwicklung, wobei die Frage von herkömmlichen Besteigungen aus Individualitätsgründen keine reizvolle Herausforderung darstellte. Entscheidend waren zunächst Stilund Routenfragen: Sind die enormen Wandhöhen per Alleingang im Alpinstil möglich, und lassen sich ebendort auch neue Wege abseits der Touristenpfade erschließen? Ein erster Feldversuch durch die Südwand des Shisma Pangma bewies zunächst das unikate Stilelement, wobei hier die Dramaturgie nicht spannender hätte sein können. In den Jahren 1999 und 2000 ging es darum, die Erfahrung des Scheiterns am Gasherbrum I zu zelebrieren; erneut ein Jahr später wurde die Routenfrage mit der Odyssee Nord am Cho Oyu auf beeindruckende Weise beantwortet. Fazit des Experimentes: Eine Steigerung im Höhenbergsteigen ist möglich, der Körper reagiert in extremer Höhe ausgesprochen wohlwollend und macht zudem auch noch Tempo. Ein weiteres Element, das in der Folge stilprägend sein wird.
